Selbst aktiv werden bei Depression

Eigentlich ist es ein Gegensatz, ein Oxymoron, die Worte Aktivität und Depression in einem Atemzug zu nennen. Für Betroffene schließen sich Aktivität und Depression aus. In einem Kinospot zur Aufklärung über diese Erkrankung, der in Hamburger Kinos läuft, sagt der Betroffene: „Es heißt immer: Reiß dich zusammen. Aber gerade dieses Aufraffen, wenn man in einer Krise ist, ist unglaublich schwer. Eine unsichtbare Kraft die drückt mich einfach runter“. Und dennoch ist es für Menschen mit einer Depression wichtig, selbst aktiv zu werden. Das betrifft besonders die Beteiligung an Behandlungsentscheidungen und die Unterstützung der Behandlung durch die eigene Lebensweise, wie zum Beispiel durch Bewegung und Sport. Das rät Prof. Dr. Dr. Martin Härter. Er ist Direktor des Instituts und der Poliklinik für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und leitet das Gesundheitsnetz Depression im Hamburger Forschungsverbund psychenet – Hamburger Netz psychische Gesundheit. Härter verrät, wie man trotz krankheitsbedingter Antriebsschwäche die Fäden in der Hand behalten kann und warum das so wichtig ist.

Depression ist nicht gleich Depression

„Wir wissen, dass jeder fünfte Mensch einmal in seinem Leben eine mehr oder minder schwere depressive Episode oder Erkrankung hat“, erklärt der Medizinpsychologe. Fachexperten unterscheiden leichte, mittelschwere und schwere Depressionen. „Für jedes Stadium der Erkrankung sollte eine entsprechend angepasste Behandlung angewendet werden“, fordert Härter. Und die reichen von einer beobachtenden Begleitung bis hin zur Behandlung in einem Fachkrankenhaus. So kann es zum Beispiel bei leichten Depressionen schon wirkungsvoll und ausreichend sein, wenn man sich gut über die Erkrankung selbst informiert, wie sie verläuft und wie man mit ihr im Alltag umgehen kann. Dazu gibt es gute Selbsthilfe-Anleitungen als Bücher, als Internetanwendung oder als telefonische Expertenunterstützung. Im Gesundheitsnetz Depression untersucht der Wissenschaftler mit seinem Team sechs abgestufte Behandlungen, die möglichst passgenau auf die gesundheitliche Situation des jeweiligen Patienten abgestimmt werden. Das sind: aktiv abwartendes Begleiten, Selbsthilfe und Selbsthilfebücher bzw. Internetanwendungen, psychotherapeutische Telefonunterstützung sowie Psychotherapie und Behandlung mit Psychopharmaka und zwar ambulant oder stationär, je nach Schweregrad der Erkrankung.

Die Behandlung soll nicht einfach nur verordnet werden

Wenn es um die Entscheidung zur Behandlung geht, dann ist der Patient gefragt! „In einem Arzt-Patienten-Gespräch sitzen sich immer zwei Experten gegenüber: Der Arzt mit seinem Wissen und der Patient mit seiner Erfahrung, seinen Wünschen, seinen Ängsten und seinen Vorstellungen. Und beide treffen im Idealfall gemeinsam die Entscheidung darüber, was nun passieren soll“, beschreibt Härter, wie er sich eine gute Behandlungsentscheidung wünscht. Zur Behandlung einer mittelschweren Depression kommen zum Beispiel entweder Antidepressiva oder eine Psychotherapie in Frage. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen besteht in beiden Fällen eine vergleichbare Chance auf Besserung. Würde der Arzt alleine entscheiden, bestünde die Gefahr, dass der Patient eine Behandlung bekommt, die aus seiner persönlichen Sicht nicht gut für ihn ist. Zum Beispiel, weil er vielleicht vor den Nebenwirkungen einer Behandlung mit Antidepressiva besondere Angst hat. „Wir wissen, dass einige Patienten damit überfordert sind, wenn sie das Angebot bekommen, sich an der Behandlungsentscheidung zu beteiligen. Deshalb haben wir unter www.psychenet.de eine interaktive Entscheidungshilfe entwickelt. Dort werden allgemeinverständlich die Erkrankung und sämtliche Behandlungsmöglichkeiten erklärt. Der Leser erfährt, welchen Nutzen sie haben, aber auch welche Nebenwirkungen damit verbunden sind und kann so in Ruhe für sich selbst herausfinden, was das Beste aus seiner Sicht ist. „Nur der Patient selbst kann nach gründlicher Aufklärung letztlich entscheiden, was gut für ihn ist. Deshalb ist es so wichtig, dass sich auch Patienten mit einer Depression an der Entscheidung zur Behandlung beteiligen“, ist Härter überzeugt. Er rät Patienten außerdem dazu, sich auch selbst gründlich zu informieren. Selbsthilfegruppen können hier viele gute Tipps und Anregungen geben, wie man mit der Erkrankung umgehen und was man selbst tun kann, um sich wieder besser zu fühlen. Wissenschaftlich nachgewiesen ist zum Beispiel, dass sportliche Aktivitäten und Bewegung einen positiven Einfluss haben. Hier geht es nicht um Leistungssport. Schon ein Spaziergang kann eine wohltuende Wirkung haben.

Aus der Reihe “Fit als Patient” von Dr. Sylvia Sänger
Dieser Textbeitrag zum Radiopodcast ist erschienen in:
Berliner Behindertenzeitung BBZ, Ausgabe 10/2014

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