Studieren als Gehörlose

Svea von Krshiwoblozki im Juni 2017 vor einem ihrer Biologie-Hörsaalgebäude auf dem Campus Nord der HU-Berlin.

Auf welche Barrieren sie als ertaubte Studentin an ihrer Universität stößt, hat uns Svea von Krshiwoblozki aus Berlin berichtet. Lesen und hören Sie hier den Beitrag aus der Voll Normal Sendung vom 05.09.2017 auf Alex-Radio 91,0 MHz.

 

 

 

Audio-Beitrag:

 

Audio-Beitrag als Text:

Kathleen Küsel:

Bei dem Stichwort Barrierefreiheit denken die meisten als erstes an einen Rolli-Fahrer, der Probleme hat am öffentlichen Leben teilzunehmen. Oftmals sind es fehlende Rampen oder nicht vorhandene Aufzüge, die den Körperbehinderten die Teilhabe erschweren.

Sinnesbeeinträchtigte sind jedoch auch teils stark daran gehindert einen normalen Alltag jenseits ihrer vier Wände zu erleben. Wie funktioniert es zum Beispiel, wenn jemand studiert, der nicht hören kann? Worauf müssen die Universitäten da eigentlich eingehen und tun sie das überhaupt?

Svea von Krshiwoblozki ist nach mehreren Hörstürzen ertaubt. Weil dies passierte als sie schon sprechen gelernt hatte, kann sie selbst immer noch gut verständlich sprechen. Das können nur wenige Gehörlose. In 1:1 Situationen funktioniert auch Lippenlesen, wenn ihr Gegenüber nicht gebärden kann. Sie studiert an der Humboldt-Universität zu Berlin. Gebärdensprach-und Audiopädagogik sowie Biologie auf Lehramt sind ihre Fächer. Sie braucht Gebärdendolmetscher, um die Vorlesungen zu verstehen. Die Dolmetscher zu bekommen ist nicht einfach.

Svea von Krshiwoblozki:

An der Uni ist es jetzt so geregelt da haben sich die Humboldt-Uni, die ASH (Alice Salomon Hochschule), Freie Universität und die Technische Universität zusammengeschlossen. Dann gibt es ein zentrales Studentenwerk, das unterstützt behinderte und kranke Studenten. Und dann ist es so: Der Student sammelt seinen Stundenplan und stellt einen Antrag auf Unterstützung. Und da steht dann eben drauf, man kreuzt Gebärdendolmetscher an und Schriftdolmetscher oder Mitschreibekraft und das Ganze. Das wird dann bewilligt vom Behindertenbeauftragten der Uni. Dann gibt es ein Koordinationsbüro. Das kriegt dann die Bestätigung und sucht passend zu meinem Stundenplan die Dolmetscher, also schreibt sie aus, meine Stunden.

Kathleen Küsel:

Die Dolmetscher kommen zu zweit zu Vorlesungen und wechseln sich im zehn Minuten Takt ab. Die fachspezifischen Inhalte des Dozenten korrekt zu gebärden ist für die meisten Dolmetscher nämlich eine ganzschöne Herausforderung. Wenn es bei Biologie-Begriffen wie SPORENBILDNER oder SIGNALTRANSDUKTIONSWEG zu heikel mit den Gebärden wird, nutzen die Dolmetscher das Finger-Alphabet. Damit Svea der Vorlesung vernünftig folgen kann, braucht sie unbedingt gute Lichtverhältnisse und die Dolmetscher müssen den Professor ordentlich verstehen können. Nicht alle Dozenten sind sich dessen bewusst oder es ist ihnen egal.

Svea von Krshiwoblozki:

Die meisten Professoren geben sich viel Mühe, haben kein Problem damit, wenn Licht angemacht wird, es sei denn es müssen mal ganz spezielle Fotos gezeigt werden von Elektronenmikroskop-Aufnahmen. Da wird dann dunkel gemacht. Die Akustik ist ganz schlecht. Und dann gibt es eben auch Professoren, die motorisch unterwegs sind und die Dolmetscher sitzen eigentlich auf Stühlen. Die Studenten haben dann einen gewissen Pegel vom Quatschen und dann hatten die Dolmetscher Probleme den Professor aufzunehmen. Dann müssten sie ihm hinterher laufen, eigentlich.

Es gibt einen Prof. der tatsächlich jedes Mal, schon fast das ganze Semester, Probleme macht wegen dem Licht. Dann verpasst der immer Spitzen, die Dolmetscher übersetzten mir das ja. Dann sagt er: „Ja man kann das jetzt nicht so gut sehen da hinten diesen Muskel, weil es muss ja Licht an bleiben“ Wenn dann das Licht aus ist und wir haben die Rollläden teilweise runter, dann sind ganz viele Schatten auf’m Gesicht. Dann wird das sehr anstrengend für mich 90 Minuten da so zu gucken.

Kathleen Küsel:

Barrierefreiheit an einem Hochschulgebäude für gehörlose Studenten benötigt also mindestens gute Sicht- und Lichtverhältnisse und Professoren, die darauf achten, dass sie für die Dolmetscher verständlich sind. Was zudem nicht selten bei alten Hochschulgebäuden vernachlässigt wird, sind spezielle Rauchmelder für Gehörlose. Die warnen beispielsweise mit Hilfe von Lichtblitzen. Das fehlt auch auf Sveas Campus.

Svea von Krshiwoblozki:

Es sind ganz ganz viele verschiedene Gebäude und in meinem Fall ganz viele alte Gebäude. Ich habe da keine orangen (Svea macht eine Geste wie für eine Rundumleuchte oder ein Lichtsignal) oder nix. Das müsste ich dann irgendwann riechen und dann wäre es schon arg spät (Svea lacht). Nein, da ist nix. Und oft bin ich ohne Hörgerät unterwegs, da wird’s dann wirklich schwierig. Mit Hörgerät hätte ich vielleicht die Chance so einen Krawall wahrzunehmen, aber ich hab sie nicht oft um.

Kathleen Küsel:

Was richtig gut funktioniert, meint Svea, dass sei die Akzeptanz von den anderen Mitstudenten, dem Studentenwerk und den meisten Professoren. Als Gehörlose darf sie ihre Prüfungen sogar mit 50 Prozent mehr Zeit schreiben. Allerdings musste sie bei der Biologie-Fakultät auch dafür nochmal extra schriftliche Beweise einreichen, bevor das anerkannt wurde.

Studieren bedeutet natürlich auch, dass man die Vorlesung mal sausen lassen kann und sich den Stoff selbst erarbeitet. Svea kann das nicht, weil das Studentenwerk die Dolmetscher nicht bezahlt, wenn sie nicht kommt. Svea ist alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern und hat eine Fahrzeit von circa 45 Minuten zum Campus Nord der HU-Berlin. Da würde es ihr manchmal einfach sehr helfen eine Vorlesung schwänzen zu dürfen. Das Svea hier noch nicht gleichgestellt ist, empfindet sie persönlich auch als Barriere.

Svea von Krshiwoblozki:

Da hab ich große Probleme. Ich muss mich dann abmelden quasi oder ein Attest vorlegen und dann muss die Uni das mit den Dolmetschern aushandeln. Einfach so blaumachen ist schwierig. Wenn es gehäufte Stornoabrechnungen gibt, müsste ich die Dolmetscher auszahlen. Die Stornorechnung, die übernimmt das Studentenwerk dann nicht. Also da bin ich nicht gleichgestellt mit‘m Blaumachen gegenüber den anderen, die einfach kommen können oder nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.