Rotes Tuch Deutsche Bahn?

„Deutsche Bahn“ ist für viele Reisende ein rotes Tuch, so rot, wie die Farben der Deutschen Bahn selbst. Immer wieder liest man von stehengelassenen Fahrgästen und schnippischem Personal. Die Verspätungen aufaddiert, ergeben unter Umständen die Lebenszeit eines einzelnen Menschen. Natürlich ist man versucht, angesichts solcher Vorzeichen schnell mal auf den Zug aufzuspringen und mitzuschimpfen. Manchmal hat man aber das Glück, Augen- und Ohrenzeuge von Vorgängen zu werden, die sich hinter den Kulissen abspielen und die ein ganz anderes Bild zeichnen.

Berlin, Jerusalemkirche, im Juni 2013. Ich sitze seit dem frühen Morgen in einer Fachtagung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS). Christine Lüders, die Chefin der ADS, hat ein paar Expertisen in Auftrag gegeben, die insbesondere die Diskriminierung behinderter Menschen untersuchen. Diskriminierung behinderter Menschen? Da kann die Deutsche Bahn in Person von Ellen Engel-Kuhn, die Leiterin der Mobilitätsservicezentrale der Deutschen Bahn nicht weit sein. Man sollte der DB vielleicht solch schwere Wörter in leichte Sprache übersetzen lassen. Am Nachmittag klingelt auffallend oft ihr Telefon, in der Pause entdecke ich sie in einer Ecke vor ihrem Laptop und heftig telefonieren.

Der Grund der Aufregung war eine Anmeldung von gehörlosen Menschen aus Hamburg, die in Berlin an einer Demonstration teilnehmen wollten. Zu dieser Kundgebung am Platz der Republik hatten sich weit mehr Menschen angemeldet, als die Organisatoren sich träumen lassen hatten. Fazit: Aus Richtung Bremen und Hamburg wollten weitere 140 Personen nach Berlin fahren. Eigentlich kein Problem, sollte man meinen, werden die Züge halt ein bisschen voller. Doch da liegt der Hase im Pfeffer. Deutschland wird von einer Hochwasserkatastrophe unerwarteten Ausmaßes heimgesucht. Für die DB ein „worst case“, eine überflutete Brücke bei Stendal hat die wichtige Bahnverbindung Hannover – Berlin unterbrochen. Alle Züge werden irgendwie umgeleitet, bestehende Strecken und Züge sind überstrapaziert und überfüllt. „Wir können keinen zusätzlichen Wagen an einen Zug hängen, wir haben keine mehr“, stöhnt Engel-Kuhn. Das interessiert natürlich den Reisenden recht wenig, noch dazu, wenn er voller Kampfeslust zu einer Protestversammlung will.

„Diese Menschen haben ja recht“, räumt Engel-Kuhn ein. Gab es überhaupt schon einmal eine Demonstration gehörloser Menschen solchen Ausmaßes? Auf der Heimfahrt telefoniert sie mit allen möglichen Kontakten, die sie hat und versucht, Alternativen zu finden. Behinderte Menschen mit einer Wertmarke fahren in Regionalzügen kostenlos. Engel-Kuhn kann einen Verantwortlichen überreden, einen IC für die Demonstranten freizugeben. Um 17.11 Uhr informiert sie den Gehörlosenverband Hamburg über diese Möglichkeit.

„So gut gemeint ihre Nachricht ist, so wenig hilfreich ist sie“, antwortet am nächsten Morgen Ralph Raule, Vorsitzender des Gehörlosenverbandes Hamburg. Die Nachricht kam zu spät und der Verband konnte seine Mitglieder nicht mehr erreichen. Also alles noch einmal durchspielen und alle Varianten durchdenken. Die Züge sind wegen des Hochwassers total überfüllt, zusätzliche Wagen stehen einfach nicht zur Verfügung. Es wird wohl ein Geheimnis bleiben, wie Ellen Engel-Kuhn es geschafft hat, aber um 10.55 Uhr geht folgende E-Mail ein:

Moin Moin,
es hat alles geklappt, es gab auch in Schwerin keine Probleme, alle Gehörlosen sind unterwegs nach Berlin. Auch die Bremer Gehörlosen, deren Zug nach Hamburg ausgefallen ist und die dann mit ICE kostenfrei nach Berlin fahren konnten.
Besten Dank für Ihre Unterstützung!
Ralph Raule

Auch das ist die Deutsche Bahn, man mag es gar nicht glauben.

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