Leipziger Buchmesse: Wimmelbild und andere Gedanken

Pieter Brueghel d.Ä, ein Maler der niederländischen Renaissance, hätte seine Freude an diesem Bild. Unzählige Menschen wuseln und wimmeln in der riesigen Glashalle hin und her. Vor der Garderobe stehen die Besucher fünf Minuten und länger an, bis sie endlich dran sind, ihre Jacken abzugeben. Junge Leute tragen bunte Kostüme, sie sehen aus, wie die Figuren aus Comics und Mangas.

Die Leipziger Buchmesse hat ihre Pforten für Besucher geöffnet. Das Publikum ist bunt gemischt. Auffällig sind die vielen Schulklassen, die diese Messe besuchen. Den meisten der jungen Menschen scheint es hier zu gefallen. Schüler und Studenten interessieren sich für Bücher, wie schön. Die Lehrer sind bemüht, ihre Gruppen in dem Gewühle zusammenzuhalten.

»Das blaue Sofa« ist eine feste Institution der Leipziger Buchmesse. Autoren erzählen über sich und ihre Bücher. Heute stellt Udo Reiter hier sein neues Buch »Ein ziemlich tolles Leben« vor. Er steht seinem Kollegen vom ZDF Rede und Antwort. Die Scheinwerfer gehen an, die Erkennungsmelodie erklingt, ein Regieassistent gestikuliert heftig und dirigiert die Kameraleute in die richtige Richtung.

Reiter verunglückte als junger Mann und ist seither querschnittsgelähmt. Er berichtet von den dunklen Tagen in seinem Leben. Nach dem Unfall hat er Selbstmordgedanken und er ist verzweifelt über seine Situation. Er entscheidet sich anzupacken, und seinen Lebensweg weiter zu gehen. Dieser Weg führt ihn in die Position des Hörfunkdirektors des Bayerischen Rundfunks. Später wird er Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks. Seine Erlebnisse hat er in seinem Buch geschildert. Der Schriftsteller Martin Walser sagt zu Reiters Buch: »So etwas Schönes, Starkes und mühelos Genaues habe ich selten gelesen«. Am Leben Reiters zeigt sich, dass es lohnt, nicht aufzugeben, nach vorne zu schauen. Es gibt Perspektiven für ein erfülltes Leben aus dem Rollstuhl heraus.

In Halle 2 haben die Schulbuchverlage ihre Stände bezogen. Für Kinder aller Altersstufen und Schularten gibt es neue Bücher, die ihnen das Lernen erleichtern. Ob es Bücher für Kinder gibt, die in Regelschulen unterrichtet werden, und einen speziellen Förderbedarf haben, lautet die Frage. Die Antwort ist einhellig: »Solange kein bildungspolitischer Auftrag besteht, sehen wir keinen Handlungsbedarf«. Nur wenige Verlage arbeiten an solchen Materialien ohne den entsprechenden Auftrag.

Bücher zu allen Themen sind hier zu finden. Das Angebot auf der Messe ist vielfältig und bunt. Bücher wie das von Udo Reiter sind die Ausnahme. Behinderte Menschen haben ihren Platz in der Welt der Bücher noch nicht gefunden. 2013 ist das »Themenjahr für Menschen mit Behinderungen«. Die Frage nach Büchern zum Thema Behinderung verstören die Aussteller eher, es ist auf der Buchmesse bisher nicht angekommen.

So wimmeln und wuseln die Besucher der Leipziger Buchmesse weiter herum. Es sieht aus wie auf einem der Bilder Pieter Brueghels. Kaum einer ahnt, dass es eine Menschengruppe gibt, die hier auf der Buchmesse, gerne stärker vertreten wäre. Die Menschen mit körperlichen und mentalen Beeinträchtigungen. Die Leipziger Buchmesse aus Sicht behinderter Menschen ein Wimmelbild mit kleinen Mängeln.

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