Evidenzbasierte Medizin – Was habe ich davon?

Wir haben schon unsere liebe Not mit der medizinischen Fachsprache. Neben dem ganzen Ärztelatein der Krankheiten, Untersuchungen und Behandlungen tauchen dann aber noch Begriffe auf wie zum Beispiel „evidenzbasierte Medizin“. Soll sich die Verbraucherin / der Verbraucher jetzt damit auch noch auseinander setzen? „Unbedingt! Jeder sollte wissen, was evidenzbasierte Medizin ist“, fordert Prof. Ingrid Mühlhauser. Die Ärztin und Wissenschaftlerin lehrt Gesundheitswissenschaften an der Universität Hamburg und ist Sprecherin des Fachbereiches Patienteninformation und Patientenbeteiligung im Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. „Ob jemandem die Gaumenmandeln entfernt werden, hängt davon ab, in welcher Region er oder sie wohnt. Beim Ersatz von Hüft- und Kniegelenken oder der Anzahl der Bypassoperationen am Herzen hat Deutschland im internationalen Vergleich einen Spitzenplatz. Man könnte daraus den Schluss ziehen, dass dies auf eine besonders gute medizinische Versorgung hinweist. Das ist aber ein Trugschluss.“ erklärt die Wissenschaftlerin. Eigentlich sollte bei der Wahl von Untersuchungen und Behandlungsmöglichkeiten immer der Patient mit seinen krankheitsbezogenen und persönlichen Bedürfnissen im Vordergrund stehen. „Das ist leider nicht immer so“, weiß Ingrid Mühlhauser. So sei zum Beispiel die Entfernung der Gaumenmandeln in manchen Regionen eine Art „Ritus“.  Auch die meisten Früherkennungsuntersuchungen, zum Beispiel zur Früherkennung von Krebserkrankungen, seien eher Rituale mit der Angst vor der Erkrankung umzugehen, als dass sie eine wissenschaftlich belegte Verlängerung des Lebens brächten. „Und hier kommt die evidenzbasierte Medizin ins Spiel.“ sagt Mühlhauser.

Was evidenzbasierte Medizin ist

Der kanadische Epidemiologe David L. Sacket hat im Jahr 1996 definiert, was eine gute und ausschließlich auf das Wohl des Patienten gerichtete Medizin ausmacht. Es sind die Ergebnisse der aktuell besten wissenschaftlichen Untersuchungen, die Erfahrungen der Ärzte und die Wünsche und Ängste der Patienten, die den medizinischen Entscheidungen zugrunde gelegt werden sollen. Keines steht ohne das andere. Systematische Forschung, ärztliches Wissen und Können sowie die Präferenzen der Patienten müssen immer zusammengebracht werden. Das nennt man evidenzbasierte Medizin oder kurz EbM. Operationen zum Beispiel sollten nicht einfach deshalb durchgeführt werden, weil man das schon immer so gemacht hat, und bei einer Auswahl verschiedener infrage kommender Behandlungsmöglichkeiten soll nicht die mit der höchsten Vergütung gewählt werden. „Weder ökonomische Aspekte noch alte Gewohnheiten oder Traditionen sollten das ärztliche Handeln bestimmen. Ärzte sollten sich immer fragen: Ist das, was ich meinen Patienten vorschlage, durch eine gute Forschung wissenschaftlich belegt und ist es mit den Wünschen und Vorlieben des Patienten vereinbar?“ empfiehlt die EbM-Expertin.

Wie ich eine evidenzbasierte Medizin bekomme

Manche meinen, dass man auf das, was der Arzt letztlich tut oder vorschlägt, doch keinen Einfluss nehmen kann. Mancher mag sich auch fragen, wie denn der Laie nachprüfen soll, ob der Arzt oder die Ärztin die Ergebnisse der besten Forschung zum Thema kennt. „Jede Bürgerin und jeder Bürger hat Anspruch auf eine evidenzbasierte Medizin. Das ist im Sozialgesetzbuch festgeschrieben. Aber man muss und man darf als Patientin oder Patient selbst aktiv werden“, rät die Expertin. Sie empfiehlt, immer nach einem wissenschaftlich belegten Nutzen und nach Risiken zu fragen, die mit vorgeschlagenen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden verbunden sind. „Man braucht dazu schon ein bisschen Grundwissen. Das ist aber für jedermann zu schaffen. Auf unseren Internetseiten unter www.patienteninformation.de erklären wir zum Beispiel, woran man Nutzen und Risiken von Untersuchungen oder Behandlungen erkennt und welche Fragen man dem Arzt dazu stellen kann.“ sagt Mühlhauser.

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