Behinderung – Chronik eines Jahrhunderts

»Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. « Dieser Zusatz zu Artikel 3 des Grundgesetzes besteht bereits seit 1994. Trotzdem haben Menschen mit Beeinträchtigungen täglich gegen physische, aber mehr noch soziale Barrieren zu kämpfen. Es gibt jedoch Hoffnung. Neue Ansätze bietet das »Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen« (BRK).

Im Juli 2012 ist das neue Buch von Christian Mürner und Udo Sierck, »Behinderung – Chronik eines Jahrhunderts« im Beltz Juventa Verlag erschienen.

Mürner, Jahrgang 1948, arbeitet als freier Autor. In seiner Funktion als Behindertenpädagoge hat er Lehraufträge an der Universität Innsbruck und an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. Von ihm wurden bisher publiziert: »Erfundene Behinderungen« und »Behinderung als Metapher«.

Sierck, geboren 1956, ist Diplombibliothekar und freier Autor. Eines seiner zahlreichen Bücher trägt den Titel: »Arbeit ist die beste Medizin«. Er war lange Jahre Redaktionsmitglied der »Krüppelzeitung«. Sierck lehrt an der Universität Hamburg (Disability Studies), und in Darmstadt an der Evangelischen Hochschule.

»Behinderung – Chronik eines Jahrhunderts« – die Autoren bewegen sich in dem Zeitraum von 1901 bis ins Jahr 2008. Sie geben einen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung des Begriffes »Behinderung«. Weitere Themen, die sie ansprechen betreffen die Selbstbestimmung behinderter Menschen, ihre Würde und den Bereich der Inklusion. Aber auch die Themen Eugenik und Euthanasie greifen sie auf.

Die Zeitreise zwischen 1901 und 1920 zeigt auf, wie aus »Krüppeln« schließlich »Schwerbeschädigte« wurden. » Krüppel« war lange Zeit die gebräuchliche Bezeichnung, wenn man über Menschen mit körperlichen oder mentalen Beeinträchtigungen sprach. Entsprechend war auch die Behandlung dieser Menschen. Sie wurden weggesperrt in »Krüppelheime« und wenn sie in mentaler Not waren, sprach man von »Krüppelseele«. Es gab auch keine Scheu, sie als »Ballastexistenzen« oder »Defektmenschen« zu benennen.

Schließlich gab man den Menschen die Bezeichnung »Schwerbeschädigte«. Allerdings eher denjenigen, die im Krieg versehrt wurden. Diese Unterscheidung wird deutlich im Schwerbeschädigtengesetz vom 6.April 1920.

Die Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus wurde durch die „Euthanasie“-Debatte bestimmt. Es ging in dieser Zeit nicht so sehr um die politisch korrekte Bezeichnung der behinderten Menschen, als vielmehr darum, »Rassenhygiene« zu betreiben. Etwa 250 000 Menschen mit psychischen Erkrankungen und anderweitig Behinderte fielen dem Nazi-Terror zum Opfer. Legitimiert durch das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« von 1933.

Das Kapitel »Stellvertretung und Behinderung« zeigt dem Leser den Zwiespalt auf, in dem Behinderte leben. Sie sind Menschen, mit denen man nicht spricht, aber man spricht über sie und für sie. Es heißt auf Seite 23: »Stellvertretung ohne Vollmacht, kann unmittelbar bedrohend wirken«. Wo sind die Grenzen dafür gesetzt, was eine Betreuungsperson darf und was nicht? In diesem Kapitel wird auch erstmals der Begriff »Behinderung« gebraucht.

Schließlich greifen die Autoren noch die Themen Selbstbestimmung und Menschenrechte auf. Hier wird der Zeitraum zwischen 1981 und 2008 abgedeckt. Sie zeigen auf, wie verschiedene Selbst-bestimmt-Leben-Initiativen dafür Sorge tragen, dass behinderte Menschen mit ihren Anliegen in der Öffentlichkeit entsprechend wahrgenommen und gehört werden.

„Aus den ‚Krüppeln‘ von einst sind weitgehend gleichberechtigte Dialogpartner geworden.“ (S. 142).

Dieses Buch geht weit über die reine Definition des Begriffes „Behinderung“ hinaus. Es ist eine Chronik der Missachtung behinderter Menschen und ihrer elementarsten Rechte, selbst bis in unsere Zeit hinein. Durch die UN-Behindertenrechtskonvention (BRK), die im Jahr 2009 in Deutschland ratifiziert wurde, stellt sich endlich ein lange fälliges Umdenken ein.