Alle für einen …

Die Hufeland-Oberschule in Berlin-Buch zeigt, wie Inklusion an einer Regelschule funktionieren kann.

Es geht laut im Klassenraum zu. Es ist sehr warm an diesem Nachmittag. Die Jungen und Mädchen sind müde vom langen Schultag. Sie sind verschwitzt, wollen endlich nach Hause. Jetzt noch eine Stunde, dann ist es geschafft. Hier und da gibt es kleine Rempeleien unter den Jungs. Philipp wird von seinem Platznachbarn in die Seite geknufft, und der muss nicht lange auf die Antwort warten. „Eh, hör’ doch mal auf Alter!“ Die Lehrerin mahnt die Kinder zur Ruhe damit er Unterricht endlich beginnen kann. Augenblicklich wird es ganz still im Raum.

Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung, und jedes Kind hat das Recht auf freie Schulwahl. So will es Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK), die im Jahr 2009 in Deutschland ratifiziert wurde. Unabhängig von der Herkunft, von körperlichen und mentalen Fähigkeiten, der Sprache oder Kultur, darf jedes Kind eine Regelschule besuchen. In der Hufeland-Oberschule in Berlin-Buch (HOBB) wird dieses Prinzip gelebt. „Auf den Schwachen achtgeben ist Stärke“, so lautet das Motto dieser Schule.

Jeder nach seinen Fähigkeiten 

„Derzeit besuchen 366 Jungen und Mädchen die HOBB, davon 46 mit Förderbedarf, ein körperlich behindertes Kind und drei Schüler mit Autismus“, erklärt Christel Hildenbrand, die Schulleiterin. Die HOBB ist eine Regelschule, in der auch Kinder mit körperlichen oder mentalen Beeinträchtigungen unterrichtet werden.

Für die Lehrer stellt es eine besondere Herausforderung dar, wenn sie vor Klassen stehen, in denen sie sich auf mehrere Leistungsniveaus der Schüler einstellen müssen. Zum einen sind da Kinder, die einen höheren oder mittleren Abschluss anstreben, und solche mit einem erhöhten Förderbedarf.

Durch Tests, die mit Beginn der siebten Jahrgangsstufe durchgeführt werden, wird ermittelt, welchen Wissensstand die Kinder jeweils mitbringen. Durch dieses Verfahren ergibt sich, welche Schüler einen erhöhten Förderbedarf haben, und in welchem Fach sie besondere Unterstützung brauchen.

Die Unterrichtseinheiten vermitteln zunächst für alle Schüler den gleichen Stoff. Sofern Übungen anstehen, durch die das vermittelte Wissen vertieft werden soll, können die Kinder sich Aufgaben, ihrem Leistungsniveau entsprechend aussuchen. So kann jedes Kind, einen Fähigkeiten entsprechend arbeiten und seinen Wissensstand untermauern. Werden Klassenarbeiten geschrieben, bekommen die Kinder mit Förderbedarf einen entsprechenden Nachteilsausgleich. „Neid bei den anderen Schülern kommt deswegen nicht auf. Sie sind darüber informiert, wie die Bewertung vorgenommen wird und warum.“

Kampf an vielen Fronten 

Obwohl eine gesetzliche Forderung für dieses Schulsystem besteht, werden die Mittel durch die Kommunen eher gekürzt. „Der erhöhte Förderbedarf muss jetzt in der achten Jahrgangsstufe neu beantragt werden, früher ging es bis zur 9. Klasse”, so die Schulleiterin. Die Anforderungen an die Art des Unterricht sind sehr hoch, die Lehrer benötigten diverse Zusatzausbildungen, entsprechendes Lehr- und Lernmaterial muss beschafft werden, alles trotz gekürzter Mittel. Für die Barrierefreiheit und eine geeignete Ausstattung im Schulgebäude zu sorgen kostet ebenfalls viel. Durch diese Art des Unterrichts besteht ein höherer Bedarf an Lehrkräften und Schulhelfern, die aber ebenfalls aus Kostengründen nicht immer in vollem Umfang zur Verfügung stehen. „So ist eine durchgängige Doppelbesetzung der Klassen leider nicht möglich“, sagt Christel Hildenbrand.

Es ist also ein Kampf an vielen Fronten. Der Einsatz lohnt sich jedoch, wenn man in die strahlenden Augen von Christel Hildenbrand sieht, während sie von zwei Schülern erzählt, die Lernschwierigkeiten hatten und jetzt einen mittleren Schulabschluss machen können.

 (Veröffentlicht in der Berliner Behindertenzeitung 05/2013)

 

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